Priapos in der Hauswand
19.09.2009 - HEIDESHEIM
Von Bernd Funke
GESCHICHTE Erotisches römisches Relief aus Mainz von Archäologen jetzt eindeutig "entziffert"
"Das ist auch ein Schutzgott für Sie", beeilt sich Landesarchäologe Dr.
Gerd Rupprecht, Therese Möbes zu beruhigen. Die ältere Dame, Besitzerin
des Hauses Uferstraße 2 in Heidesheim, beherbergt in der Hauswand
gleich neben der Eingangstür nämlich das Relief des Priapos, des, so
erzählt die griechische Mythologie, Sohnes des Dionysos und der
Aphrodite. Priapos war auch ein Gott - der der Fruchtbarkeit, was auf
dem aus dem 2. oder 3. Jahrhundert stammenden Relief ein gewaltiger,
überdimensionaler Phallus verdeutlicht.
Der Restaurator der
Landesarchäologie hatte mehrere Farbschichten zu entfernen, bevor er
das 25 mal 34 Zentimeter große Götterbildnis so freigelegt hatte, dass
es fachgerecht konserviert werden konnte. Immerhin steckt es seit 1936
in der Wand. "Der Erbauer des Hauses war Ingenieur bei der Reichsbahn
und dabei, als in den Jahren 1932 bis 1934 der Mainzer Bahntunnel
aufgeschlitzt wurde. Wahrscheinlich hat er sich den Priapos als
Andenken mitgenommen", mutmaßt Gerd Rupprecht. Ob die erotische
Gottheit ursprünglich das römische Bühnentheater verzierte, oder aus
einem Wohnhaus in der unmittelbaren Umgebung stammt, sei zumindest zum
derzeitigen Zeitpunkt nicht mit Bestimmtheit zu sagen.
Das ist aber auf jeden Fall viel mehr als das, was die bereits 1962
befragten Experten zum Relief sagen konnten, die vom pensionierten
Heidesheimer Rektor Karl Sturm befragt wurden. "Das Stück bringt mich
einigermaßen in Verlegenheit", räumte der damalige Direktor des
Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz, Prof. Dr. Hans Klumbach,
ein und schrieb: "Das kurze Hemdchen ist ganz ungewöhnlich. Die Form
des linken Knies ist mir unklar, dazu ist das linke Bein, wenn man es
sich gestreckt vorstellt, viel länger als das rechte." Und Klumbach,
den Phallus nicht deutend, kam zu dem Schluss: "Dies alles sieht so
aus, als wäre an der Figur nachträglich herumgemacht." Auch ein Dr. H.
Schöppa vom Wiesbadener Landesamt für kulturgeschichtliche
Bodenaltertümer, von Klumbach als wahrer Experte empfohlen, rätselte:
"Ich weiß nicht, was das Gewandstück (?) auf dem linken Oberschenkel zu
bedeuten hat." Auch könne er nicht ausmachen, ob es sich um eine
weibliche Figur handele...
Das Rätsel ist nunmehr gelöst. Der Landesarchäologe hat von dem
gereinigten Bildnis zwei Abgüsse aus Kunststein anfertigen lassen. Der
eine verbleibt bei den Archäologen in Mainz, den anderen nahm der
pensionierte Geschichtslehrer und ehemalige Vorsitzende des
Fördervereins Georgskapelle, Walter Schleuß, von Rupprecht entgegen.
Als erstes Exponat für den Verein Historisches Heidesheim, den Schleuß
am Freitag zusammen mit Gleichgesinnten aus der Taufe hob.
Ausführlicher Bericht über die Vereinsgründung folgt
|
|
Foto: hbz/Alexander Sell
Neben
den Original-Priapos in der Hauswand hält Landesarchäologe Dr. Gerd
Rupprecht den Abguss für den Verein Historisches
Heidesheim.
|